Laufspiel

Fußball ist halt ein Laufspiel, frag nach bei den Schweden. Für die war es vor allem in der ersten Hälfte ein Hinterher- Laufspiel gegen Spanien. Das 0:0 war mit jeder Minute mehr erarbeitet – ganz gleich, wie einseitig die Begegnung aussah.

Und verloren ist auch noch nichts für den Favoriten der Gruppe. Denn im anderen Spiel verlor Polen gegen die Slowakei und steht so schon im zweiten Spiel wesentlich mehr unter Gewinnzwang.

Womit nun auch die letzte Vorrundengruppe starten wird: Budapest meldet ein ausverkauftes Haus, und zwar richtig ausverkauft mit mehr als 60000 Zuschauern. Ob das eine gesunde Einschätzung der pandemischen Lage ist, kann man von hier aus schwerlich beurteilen. Aber fühlt es sich wirklich gut an?

Gespannt darf man natürlich desto mehr vor dem sicheren Fernseher sein, wie sich der Titelverteidiger aus Portugal präsentieren wird.

Und dann geht es auch für den Löw ins letzte Turnier als Bundestrainer. Mit Motivationsschreiben aus dem Boulevard kann ja nichts mehr schief gehen, oder? Und ohne Mittelstürmer will er es wohl angehen, was immer noch nicht die Frage klärt, ob er nun ohne einen Neuner oder mit Werner spielen läßt.

Aber „uns“, so der Boulevard, mache ja angeblich nicht einmal Spanien Angst. Ist aber am Abend egal, denn es geht gegen Frankreich. Nicht immer ein Lieblingsgegner vom Nivea- Mann. Und natürlich dürften die beiden Rückkehrer im Blickfeld stehen, Hummels und Müller. Vielleicht gar nicht einmal so schlecht für den Rest der Truppe, quasi in deren Windschatten zu spielen. Denn ganz sicherlich werde nicht nur ich allein darauf warten, wenn es der Mats mit Mbappé oder Griezman im Laufduell aufnimmt.

Wer meint, in dem Spiel sei zu wenig Musik drin, dem sei die Livesendung von Blogkollege @Sigurd6 empfohlen. Pünktlich zum Anpfiff legt er hier los bzw auf: https://laut.fm/songsauszweijahrhunderten

Trittbrettfahrer

Ist die Welt nun ein Dorf, die Leute immer skrupelloser oder gefühlsärmer? Vielleicht sollte man mal all dies ein wenig sacken lassen, was sich da am Wochenende getan hat. Am Rande des Spielfeldes und eben doch mittendrin.

Denn was zeigte uns die UEFA- Bildregie vor dem – übrigens sehr sehenswerten- 3:2 der Niederländer gegen die Ukraine?

Einen jungen Mann mit einem Fanschal für den kollabierten und wiederbelebten dänischen Spieler Eriksen. Das Bild soll wohl die Anteilnahme dokumentieren, aber sagt mal: ist das nicht pervers? Denn da hat keine niederländische Oma in Nachtschicht gestrickt, das Ding sah schon deutlich nach Maschinenarbeit aus.

Nicht einmal 24 Stunden nach der Entwarnung aus dem Kopenhagener Krankenhaus gibt es also in Amsterdam einen Fanschal zu erwerben. Ich lasse das mal so stehen.

Habe stattdessen mal aus Recherchegründen, nicht aus Voyeurismus, in der Tube Eriksen eingegeben. Den Zusatz „fifa 21“ (warum eigentlich fifa???) angeboten bekommen.

Macht es auch einmal – ich weiß, Ihr seid keine Voyeuristen. Neben den journalistischen Zusammenschnitten der UEFA- produzierten Einheitsbilder gibt es da tatsächlich auch ein wackeliges und seitenverkehrt gefilmtes Video, irgendwoher von der Tribüne aufgenommen. Das sind wohl diejenigen, die auch bei jedem Autobahnunfall draufhalten, oder?

Neun Sekunden hat ein Schnipsel, der zeigt, wie Eriksens Partnerin vom Mannschaftskapitän getröstet wird. 260-tausend Aufrufe in einem Tag.

Sehr schnell reagiert hat ein Mediziner aus den USA – 2,4 Millionen Aufrufe! Noch am Samstag erklärt er da, was denn nun geschehen sei beim Kollaps, wie man den versorgt, etc. Einerseits auf eine wirklich erhellende Art. Andererseits ist es offensichtlich das Prinzip dessen Kanals, denn die Gesichtsfrakturen von Kevin de Bruyne erklärt „Brian Sutterer MD“ aus Minnesota.

Seine beiden Leidenschaften verbinde er damit, sagt er in der Selbstbeschreibung. Und schnell ist er auch noch und profitiert von der Zeitverschiebung.

Anteilnahme, Aufklärung, Tritbrettfahrerei – ist das wirklich so ein schmaler Grat oder bringen da manche Zeitgenossen etwas durcheinander?

Kleineres Übel und bessere Option

Das Wichtigste mal zuerst: Dänemarks Christian Eriksen ist nach den Wiederbelebungsmaßnahmen auf dem Spielfeld in Kopenhagen medizinisch gesehen stabil. Alles andere tritt dahinter zurück. Auch das 0:1 gegen Finnland, was unter anderen Umständen die Geschichte des Abends gewesen wäre.

Ich bin bestimmt nicht der einzige, der sich gewundert hatte, daß das Spiel fortgesetzt worden ist. „Mit der Zustimmung aller Spieler“, so hieß es. Und wohl auch auf Bitten von Eriksen selbst, der inzwischen wieder sprechen konnte. Peter Möller, Präsident des Dänischen Fußballverbandes, wird von Bild so zitiert: „Wir haben Kontakt mit ihm gehabt, die Spieler haben auch mit Christian gesprochen. Die Spieler spielen die Begegnung für Christian.“

Dänemarks Trainer Hjuimand erweitert da den Blick: „Wir hatten zwei Optionen: Das Spiel fortzusetzen oder morgen um 12 Uhr zu spielen. Jeder wollte heute weiterspielen.“

Da war das Weiterspielen wohl das kleinere Übel.

Für mich gibt es zwei Männer des Abends: zum einen Thomas Delaney. Nachdem Eriksen kollabiert war und behandelt wurde, schnallte er als Erster die Situation. stellte sich mit dem Rücken zum Behandelten breit auf und rief seine Mitspieler zu sich, es ihm gleich zu tun. Dadurch entstand quasi eine menschliche Schutzwand, denn die fliegende Kamera hielt einfach weiter drauf. Versuchte selbst dann noch durch die Beine der Spieler zu filmen, als erkennbar Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet worden waren.

Da hat die internationale Bildregie schlichtweg versagt. Und auch gezeigt, daß man hierzulande inzwischen sensibler reagiert. Gut so!

Der zweite Mann des Abends – entgegen meiner Gewohnheit hatte ich, um zu erfahren, den Kommentar wieder hörbar gestellt. Und so oft ich bei Béla Réthy schon die Augen verdreht hatte: hörbar mitgenommen, hatte er die Situation im Griff. Wies mehrfach darauf hin, daß er nicht spekulieren wolle. Lies einen auch lange mit den Bildern allein. Weil es nichts zu sagen gab. Und verwies darauf, daß jedes Bild in der Situation auch einen Eingriff in die Intimität bedeute. Gab damit auch den Ton vor für die Experten- Combo im Studio in Mainz. Die sich dann nicht mehr durch Platitüden zu hangeln brauchte.

Traditionell in fast jeder Hinsicht

Der olle Bono von U2 (nicht youtube) bessert sich die Rente auf, vieles ist virtuell und erspart die gefühlte halbe Stunde Umbau, die es sonst bei Eröffnungen sämtlicher Art gibt. Zehn Minuten vorm Spiel einzuschalten, erwies sich als goldrichtig. Die Honoratioren der UEFA waren schon fertig mit ihren Reden, dann hieß es „Runter mit den Masken und fliegt, Ihr Aerosole.“ beim Grölen der Hymnen. Sechzehntausend durften rein.

Tja, und dann? Da täuscht das Endergebnis von 3:0 für Italien gegen die Türkei ein wenig drüber hinweg: lange Zeit verfolgte dieser Kick die Tradition von Eröffnungsspielen. Abwarten, lauern, dann den Druck erhöhen ohne absolut ins Risiko zu gehen. Auf der anderen Seite ein Defensivkonzept, das bin in die zweite Halbzeit hielt und dem später offensiv auch nix folgte. Mehr Raum nutze Italien dann zum klaren Sieg.

Und erstmals ist das erste Tor bei einer EM ein Eigentor gewesen. Ein Vermerk in den ewigen Statistiken, auf den der türkische Verteidiger keinen Wert legen dürfte.

Was folgt, ist der obligatorische Vorrunden- Dreierpack. Am Nachmittag spielen die Schweizer vor Magenta- Publikum gegen die Schweiz (Quatsch, natürlich gegen Wales. Danke, Sigurd, für’s aufmerksame Lesen). Abends dann für jeden, der noch gucken mag, folgt das skandinavische Duell zwischen Dänemark und Finnland. Ein wenig mehr interessiert mich da schon Belgien gegen Russland. Kopenhagen und Sankt Petersburg sind die Spielorte.

Vor all dem werde ich aber die Aufmerksamkeit denen widmen, die mit einer Sondergenehmigung neulich ins Training einsteigen durften und nach ein paar Wochen Warmlaufen am Ende einer abgebrochenen Regionalligastaffel um den Aufstieg in die 3.Liga spielen: die früheren Zweitligisten Schweinfurt und Havelse. Überbleibsel dieser dösigen Regelung, daß nicht alle Viertliga- Meister aufsteigen dürfen.

Ich glaub‘, es geht los

Nun ist es also soweit: die EM 2020, die in 2021 durchgeführt wird, fängt am Abend an. Und witzigerweise erscheint mir das noch ein wenig weit weg. Was weder an Istanbul als Ort des Eröffnungsspiels liegt oder an Türkei und Italien als die beiden Gegner in diesem Spiel.

Aber irgendwie springt da kein Funke über wegen dieses Turniers. Das scheint ja ganz allgemein der Fall zu sein. Nix mit „Opium für’s Volk“ gegen Ende der Corona- Zeit. Noch sehe ich kaum irgendwo Deutschlandfahnen an Fahrradlenkern oder Rollatoren und ob der Italiener wiederEis verschenkt, wenn seine Mannschaft morgen gewinnt? Ich glaub’s nicht – auch wenn es das alles schon gab.

Ist dieser paneuropäische Gedanke, der noch vom Platini zum Fundament dieses Turniers erhoben wurde, ganz allgemein an der Wirklichkeit vorbei gedacht? Oder zeigt sich am Beispiel Fußball ganz plakativ das Desinteresse an Europa?

Und wird der Gedanke durch die Flugmeilen- Veranstaltung wiederbelebt? Oder sehen es die Leute zunehmend kritisch, auch unter dem ökologischen Aspekt? Nachhaltigkeit, und Öko- Fußabdrücke?

Wer kann mit dem 24er- Teilnehmerfeld etwas anfangen? Gefühlt macht bei diesem Turnier ja fast jeder mit. Ich warte nur noch darauf, daß die UEFA endlich die EM für die Kleinen erfindet, wo dann Andorra und San Marino um einen – natürlich kleinen – Pokal daddeln. Das müßte sich doch in den Jahren zwischen EM und WM noch irgendwie unterbringen lassen. Soll ich mir mal das Copyright darauf sichern? 🙂

Die Flops stehen auch schon fest: das EM- Panini- Album sowie das Buch von Claudia Neumann – beider Veröffentlichung ließ sich im letzten Jahr nicht mehr aufhalten.

Eher zeitlos hingegen hält es der Bestatter hier zwei Orte weiter: der stellt alle zwei Jahre einen Sarg in die Auslage, mit einem Fußball verziert. Ich fürchte, das war selten treffender.

Mit Gala im Bilde

Früher gab’s sowas alles nicht. – Zumindest nicht so wie heute. – Das will uns wohl der Poldi sagen. Ja, den gibt es auch noch, in der Türkei hat er jetzt gespielt und irgendwo will er noch weiter kicken. Beim FC dürfte das nicht der Fall sein.

Doch immerhin bringt sich der Poldi rechtzeitig vor EM- Start in Erinnerung. Den Weg der Herren Hummels und Müller wird er sicherlich nicht gehen. Und betont in einem Interview der Fachzeitschrift „Gala“, das schließe auch seine Frau mit ein. Die sei nämlich anders als andere Spielerfrauen.

„Mir gehen die meisten Spielerfrauen wirklich auf die Nerven. Viele hatte man doch gar nicht auf dem Schirm, bevor sie mit einem Fußballer zusammengekommen sind, und plötzlich machen sie dann auf sämtlichen Social-Media-Kanälen eine Riesenwelle.“

Das ist doch mal ’ne Ansage an die moderne Frau von heute, oder? Anders interpretiert: dummes Zeug, dafür ist im Hause Podolski immer noch der Lukas zuständig.

Unterdessen gehen all diese Abschiedshäppchen weiter um den Jogi. Was es nicht alles zu schreiben gibt. Man könnte fast den Eindruck haben, am Ende bittet Frau Merkel den Jogi, daß er doch noch bleibt. Wird nicht passieren, keine Sorge.

Und seine Jungs sind jetzt auf dem Adidas- Gelände untergebracht im „Camp“, Parallelen zu Brasilien 2014 werden medial rein zufällig gezogen. Ich denke aber, Herzogenaurach mit Südamerika zu vergleichen, ist vielleicht doch ein bißchen hoch gegriffen.

Hauptsache ist doch, die Jungs langweilen sich nicht. Zur Erheiterung taugt auch hier wieder einmal die Wagner- Kolumne im Boulevardblatt. Die EM vergleicht er da mit einem Geburtstagskuchen, als Feier des Lebens wie vor Corona. Da denke ich doch glatt, der Wagner bewirbt sich entweder als DFB- Präsi oder als Spielerfrau. Er scheint auf einem guten Weg zu sein.

Wer isses?

Wie gut, daß in diesen Zeiten gern über Vereinsmedien und Pressemitteilungen kommuniziert wird. Da gibt es dann vielleicht noch mit dem mächtigen Boulevard einen Videochat, ansonsten wird gern auf das geschriebene und geschliffene Wort verwiesen.

Da müssen dann sogar die Stuttgarter Nachrichten aus der Veröffentlichung des VfB zitieren – wobei es sicherlich einige Fragen gibt im Fall von Silas Katompa Mvumpa. Der hat zwei Jahre mit gültigem und auf einen falschen Namen ausgestelltem Spielerpaß gespielt.

Thomas Hitzlsperger erläutert und wiegelt zugleich ab: „Mitte Mai hat er erste Bruchstücke der Geschichte erzählt. Wir machen diesen ungewöhnlichen Fall ganz bewusst von uns aus öffentlich, um zu unterstreichen, dass wir so transparent vorgehen wollen, wie es mit Rücksicht auf den Schutz unseres Spielers möglich ist. Dass wir nicht alle Fragen zu diesem Zeitpunkt beantworten können, nehmen wir dabei in Kauf.“

Und doch, lieber Hitz, ich finde es schon interessant, daß der zur Zeit verletzte Spieler sich erst nach dieser langen Zeit Euch anvertraut hat. Konkret: zum Ende der Saison. War es wirklich nicht früher bekannt? Einsprüche wären, so vernimmt man vom DFB, ja ohnehin nur zwei Tage lang möglich gewesen.

Menschlich finde ich es auch verständlich, wenn der junge Spieler im neuen Umfeld erst einmal ankommen und Vertrauen fassen will. Und seine Bereitschaft, reinen Tisch zu machen, ehrt ihn.

Aber: schon während er in Frankreich spielte, gab es anscheinend Hinweise darauf, daß da irgendwas unregelmäßig laufen könnte. Darauf verweist der Kicker: „Bereits Ende 2019 hatte „L’Equipe“ entsprechend berichtet und damals den richtigen Riecher.“ Und den offensichtlich richtigen Namen hatten die französischen Kollegen auch herausgefunden.

Da wüßte ich gern mal, ob man sich im Rahmen einer Vertragsanbahnung um solche doch schwerwiegenden Gerüchte wirklich nicht geschert hat beim VfB?

Aber entscheidender sind wohl die Dokumente, so Manager Mislinat.

„Silas hatte eine Spielberechtigung vom französischen Verband und formal geprüfte, glasklar korrekte Dokumente. Wir glauben, dass er kein Einzelfall in Europa ist. Er wurde unter falschen Versprechungen nach Frankreich gelockt und dort wurde ihm gesagt, dass es nur weitergehen könne, wenn er seinen Namen ändere und dann entsprechende Dokumente bekommen würde. Silas lebte im Haus seines Vermittlers, war quasi unter Aufsicht, sein alter Pass wurde einbehalten, bekam auch sein Gehalt nicht ausgezahlt. Das, was dem Jungen passiert ist, ist nicht nur nicht in Ordnung. Das ist kriminell. (…) Wenn wir das mit Menschenhandel beschreiben, dann kommen wir dem Thema schon sehr nah.“

Nur, lieber VfB, liebe DFL und lieber DFB: ist es Euch wirklich wurscht, ob eine Spielgenehmigung wahrheitsgemäße Angaben enthält? Hauptsache, irgendwer haut ’ne Stempel drauf? Das ist das eigentlich abenteuerliche an der ganzen Sache.

Weiter entwickeln

Eintausend Besucher durften in die Düsseldorfer Arena und sechstausend Beschwerden gab es, weil der Stream von „TV Now“ von RTL nicht funktioniert haben soll. Welch ein Jammer 🙂 Aber das ist auch schon ganz anderen passiert, die Hightech und Sparen miteinander kombinieren wollten.

Und es war ja nur so ein Testspiel mit Durchwechseln und einem Gegner, gegen den man die Tore schoß, die gegen Frankreich und Portugal nicht fallen werden. 7:1 gegen Lettland. – Stehen die im Ranking höher als Nordmazedonien? – Sogar der Müller hat wieder getroffen und der Neuer sein hundertstes Länderspiel gemacht. Allerdings eben nicht zu Null.

Die Frage ist halt, was man draus macht. Ob man das Ganze schon zur vermeintlichen EM- Stammelf hochpusht oder aber berücksichtigt, daß es in einer Woche in München auf ganz andere Dinge ankommen mag. Hummels im Sprint gegen Mbappé etwa.

Seine „Gedanken sortieren“ will etwa Stefan Kuntz, der U21- Europameister- Trainer. Wenn der nicht zugibt, daß er heimlich auf den Löw- Posten gehofft hatte, dann ist er sehr höflich.

Ob er nun den DFB verläßt? Denn Kuntz ist ein paar Jährchen älter als der Flickhansi, da dürfte es mit simplem Abwarten nicht getan sein.

Andererseits: Kuntz war als Vereinstrainer eher so halb erfolgreich, das kann auch er nicht abstreiten. Was nicht schlimm ist. Anderen liegt das Tagesgeschäft halt mehr. Insofern ist aber fraglich, ob ein Angebot eines großen Vereins für ihn anliegen würde. Wenn, dann wäre es mit 58 nochmal eine Gelegenheit, vielleicht vor allem sich selbst zu beweisen, daß er sich auch hier weiterentwickelt hat.

Wie die Jungen

Tja, die zukünftigen Erben haben es also schon einmal vorgemacht: die U21 ist Europameister nach dem 1:0 über Portugal. Und es gab ja nicht wenige, die erwartet hatten, daß U21- Trainer Stefan Kuntz auf den Jogi folgen würde. Das wird er bekanntermaßen nicht, aber er hat mit dem Titelgewinn noch einmal eine Aussage gemacht.

Ob un die „Großen“ Ähnliches vollbringen werden? Da habe wahrscheinlich nicht nur ich meine Zweifel und bei allem Respekt sagt auch der verblassende Starcoach Mourinho nur das, was viele denken: Bei der Vorrundengruppe mit Portugal und Frankreich kann schnell Schluß sein für Jogis Jungs.

Frankreich, Ungarn und Portugal – zumindest zwei der drei können die deutsche Mannschaft vor arge Probleme stellen. Da ist es auch ganz egal, wie viele Zuschauer in München zugelassen sein sollten.

Und es mag täuschen, aber ich habe den Eindruck, daß viele ganz ähnlich denken. Oder warum haben so viele Vorab- Berichte zur EM den Anstrich von Jogi- Rückblicken, gar Nachrufen? Seine Freunde vom Boulevard bilanzieren schon die größten Siege und Niederlagen, das wird in den nächsten Tagen nicht weniger.

Daran ändert auch das Spiel gegen Lettland am Abend nichts. Und sagt mal: hatte man nicht früher versucht, in Vorbereitungsspielen die Gruppengegner zu simulieren? Also etwa Kolumbien, wenn man danach gegen Argentinien spielte. Wen aber sollen denn bei aller Wertschätzung die Letten doubeln? Portugal oder Frankreich?

Oder soll hier gegen einen schwächeren Gegner etwas einstudiert werden, was einem gegen Mbappé oder Ronaldo um die Ohren fliegen wird? Dreierkette mit dem Mats zum Beispiel? Lassen wir uns überraschen – anschauen muß man sich das wohl nicht zwingend.

Nicht ganz jung, dynamisch,…

An einem Sportwochenende, an dem sich Deutschland stundenlang den Randsportarten widmet – ist schließlich fußballfrei – machen auch der Restlauf- Jogi und seine Mannschaft keine Ausnahme.

Der Neuer soll auch Tennis spielen können und den Jogi will man in Seefeld im Traininslager mit ’nem E-Bike im Ort gesehen haben. Wohl auf der Suche nach einer schönen Laterne zum finalen Fotoshooting.

Anscheinend hat der Cremeboy dem schöngeistigen Nägelkauen für ein paar Wochen abgeschworen – anders kann ich es nicht deuten, wenn reihenweise Spieler seine Energie loben. „Engagierter“, „emotionaler“, all solche Dinge geben die Jungs zu Protokoll und es scheint ihnen seltsam vorzukommen.

Ob der Löw insgeheim nochmal den Dynamiker raushängen läßt und noch auf einen Vertrag im Vereinsfußball hofft? England oder Spanien, das geht halt immer. Letztere hat er ja so gerne nachgespielt mit schlechterem Personal als das Original. Da muß es ihm doch förmlich danach verlangen, es aller Welt nochmal zu beweisen.

Was will er auch anderes tun? Vorruhestand mit 61? Fernseh- Experte? Und wenn ja, wo denn? Da ist doch schon alles vergeben bis hin zu durchschnittlichen Zweitligatrainern. Und mit Frau Dr. Merkel Bratkartoffeln futtern, dafür muß er demnächst nach Mecklenburg fahren.

Nicht umsonst hat er sein Quasi- Abschieds- Interview bereits ind er vergangenen Woche der Zeit gegeben. Denn wenn er keinen Titel holt bei dieser EM, würde man ihn irgendwo im Flugzeug befragen müssen und es würde eh keinen mehr interessieren.

Hoffen wir also, daß die Leute in Seefeld noch schnell das eine oder andere Selfie machen solange die Aktie Löw noch halbwegs einen Wert hat.