Geschont für Baku

„Wir haben arrogant gespielt“, zitiert der Kicker den Mats und wenn das Abwehr- Sprachrohr das sagt, dann sagt man Danke und ist froh, sich den Kick gegen Aserbaidschan nicht in voller Länge gegeben zu haben, oder? Wie diese Spielweise seitens der deutschen Mannschaft ausschaut, hat man schließlich oft genug gesehen in den letzten Jahren.

4:1 hieß es trotzdem am Ende, es war ein Sieg derer, die in der Liga weitestgehend geschont werden. André Schürrle etwa, der Wechselkönig auf den Spuren eines Marko Marin, ist beim BVB für teures Geld oft genug Teilzeitarbeiter. Da sind zwei Tore und gleich neunzig Minuten am Stück zu spielen doch mal eine schöne Abwechslung. Ausruhen kann er sich beim Tuchel dann wieder.

Torschütze Gomez ist in Wolfsburg ja auch erst seit Andries Jonker Trainer ist so richtig präsent, also in der persönlichen Startphase der Spielzeit und Thomas Müller traf denn auch in Baku, während er in Bayern zum Vorlagengeber mutiert ist.

Dennoch waren wohl nur wenige zufrieden mit dem Auftreten der deutschen Elf in Aserbaidschan, aber wenigstens bleibt die saubere Bilanz von fünf Siegen aus fünf Quali- Spielen. So geht’s sicher nach Rußland mit dem Jogi. Den RTL- Aushilfsmoderatorin Wontorra übrigens Johann genannt haben soll – so die Schlagzeile im Boulevard. Wenn das schon das Topthema ist, bin ich für die zweiminütige Zusammenfassung in der Tagesschau gleich noch dankbarer.

Für Jogis niederländischen Kollegen Danny Blind findet die WM vorm Fernseher statt, soviel steht fest. Der Verband feuerte ihn nach dem 0:2 in Bulgarien, die Qualifikation ist in Gefahr und womöglich sitzt Blind dann im nächsten Sommer mit Robben und Co. gemeinsam vor dem TV.

Mit lahmer Ente durch Europa

Der Jogi hat also eine Vorgabe gemacht, einen sieg in Aserbaidschan hätte er gern von seiner Truppe. Das sollte wohl klappen, auch wenn sich der Berti warnend aus der Ahnengalerie der Bundestrainer meldet und entsprechend warnt. Schließlich hatte er auch schon für Aserbaidschan die Verantwortung.

Gelegenheit genug, sich um andere Dinge zu kümmern. Der Tatsache etwa, daß sich in Dortmund der Abschied von Thomas Tuchel mal wieder ein wenig mehr andeutet. Die vermeintliche Anfrage von Arsenal wurde allerseits dementiert. Es wäre die eleganteste Form gewesen, den Trainer vor Vertragsende und ohne Gesichtsverlust loszuwerden.

Nun tun sich zwei Wege auf, die feinsinnigerweise kolportiert worden sind: zum einen das Interesse des Vereins an Ex- Spieler Sousa. Der könnte sofort kommen und die Abfindung für ihren Spaßbremser zahlen Watzke und Co. aus der Portokasse. Im Falle, daß die Champions League verpaßt würde, hätte man noch beste Argumente für den Wechsel auf der Bank.

Natürlich sind die Verantwortlichen des BVB hochanständig *hüstel* und weisen da jegliches Interesse von sich. Doch schon wird mit Julian Nagelsmann bereits der nächste Kandidat in Stellung gebracht, allerdings erst zu Tuchels Vertragsende. Zunächst dürfte wohl die Chance auf die CL mit Hoffenheim ganz reizvoll sein und es paßt wohl auch nicht in Nagelsmanns Image, Kollegen- Killer zu sein. Er wird abwarten können, während Tuchel entweder zur lame duck mutiert in der neuen Saison oder aber doch zumindest stark beschädigt wird mit diesen Debatten um seinen Trainerstuhl. Eine Basis für Erfolg scheint dies nicht zu sein, Tuchel arbeitet auf Abruf.

Kevin geht – anders

Der Vorname Kevin verpflichtet zum Glück zu nichts – nicht einmal zur Stillosigkeit. Und so geht im Schatten den Poldi- Spektakels inclusive inszenierter „letzter Fotos“ in der Bild ein weiterer aus den Nuller Jahren. Nicht nach China als hochfinanzierter „Entwicklungshelfer“, sondern in den fußballerischen Ruhestand.

Kevin Kuranyi erklärt seinen Rücktritt als Profikicker mit genau der Selbstironie, die jemand hat, der offenbar mit sich im Reinen die Karriere beendet. „Der Blinde“, so nennt er sich selbst, hört auf. Und mit ihm jemand, der in Stuttgart und Schalke seine besten Zeiten hatte und der beim Wechsel nach Moskau ganz offen zugab, daß dabei natürlich das Geld eine Rolle gespielt habe. Damals als Schalker sagte er das, ohne sich opportun noch schnell Kohlestaub um den Bart zu schmieren oder das Wappen zu knutschen.

Hoffenheim bei seiner Rückkehr hätten sich Verein und Kuranyi sparen können – und sicherlich fällt es nicht leicht, von einem Trainer aussortiert zu werden, der jünger ist als man selbst. Aber auch in dieser sportlich mißglückten Zeit sagte er mal in einem Interview, er wisse, wie gut es ihm im Vergleich mit Millionen anderen Leuten gehe. Deshalb war kein lautes und medienwirksames Jammern angesagt und auch im Sommer nicht der Gang aufs Arbeitsamt.

Nun entscheidet sich Kuranyi bewußt für die Familie, hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden und will seine Erfahrungen an junge Leute weiter geben. Etwa die, daß man ein Spiel nicht aus Frust in der Halbzeitpause verlasse. So wie er selbst damals, was das Aus beim Jogi nach sich zog.

Selten hat jemand mit soviel Selbstironie seinen Rücktritt erklärt. Kreis geschlossen, gesunder Abstand und ein Stück weit Größe. Da wünscht man sich, daß man Kuranyi in anderer Funktion mal wieder im Fußball antrifft.

Durchrauschen

Noch sind es ja zehn Spieltage in der 3.Liga, der man an diesem Wochenende vielleicht auch etwas Aufmerksamkeit schenken könnte. Vor allem zwei Vereinen, die durch diese Spielklasse hindurch rauschen wie ein Fallschirmspringer, der die Reißleine nicht findet: der FSV Frankfurt und der SC Paderborn. Beiden droht die Regionalliga und die Gefahr, so bald nicht mehr wieder zu kommen.

Was war das stets nett, wenn man vor vielen Jahren an den Bornheimer Hang in Frankfurt fuhr: klein, aber fein, ein typischer Stadtteilverein eben. Die Eintracht war weit und auf der Haupttribüne beim FSV herrschte dahingened Einigkeit, daß man sich auch als VIP- Publikum aufführen kann wie auf dem Stehplatz. Das gab dem Ganzen schon was Eigenes, zugegeben. Und man rieb sich die Augen, wei es dann mit vergleichsweise geringen Mitteln bis in die Zweitklassigkeit ging.

Jetzt geht es desto schneller abwärts, der Doppelabstieg droht. Der zweite Trainer der Saison versucht sich und nun sind auch noch Präsidium und Geschäftsführung mitten im Abstiegskampf zurückgetreten. Es ist ein schmaler Grat, Verantwortung für die Entwicklung zu übernehmen und den Verein dann kurz vor Saisonschluß führungslos zu lassen.

In Paderborn mangelte es nie an Führung mit Geldgeber und Präsident Finke. An Trainern auch nicht, der dritte der Saison versucht sich gerade an der Rettung. Aber auch mit dem Dreifachabstieg von der Bundesliga in die Regionalliga kämen sie in die Geschichtsbücher. Vorher möglicherweise noch in die Insolvenz. Wo sie zuvor über Jahre solide gewirtschaftet hatten, machten sie in den letzten drei Jahren mit verblüffender Konsequenz  alles falsch. Sechs Punkte Rückstand auf die rettenden Plätze scheinen schon jetzt zu weit zu sein. Der freie Fall geht wohl weiter. Beispiellos.

 

 

 

Das letzte

Die Kapitänsbinde abstreifen und dem Jogi das Zeichen zur Auswechslung geben, das wär’s noch gewesen! Hat er aber nicht gemacht, der Poldi, in seinem allerletzten Länderspiel. Es wäre das Sahnehäubchen gewesen auf einem Abgang nach Maß mit seinem Siegtreffer zum 1:0 gegen England.

Für mich war danach auch bald Schluß mit meinem Kurzeinsatz vor dem Fernseher. Hatte aber auch erst kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit zugeschaltet und nach 20 Minuten soviel gesehen, daß ich mir den Rest nicht mehr angeschaut habe.

Schön, daß der Poldi sich selbst ein Abschiedsgeschenk gemacht hat. Daß dieser tolle Treffer fast synchron von ARD- Hörfunk und Fernsehen zum Tor des Monats und zum Tor  des (gerade angefangenen) Jahres favorisiert wird: geschenkt! „Weil er doch so ein toller Typ ist“, so die Begründung im Radio sinngemäß. Na denn… Und solch ein Abschied ist auch netter als ein zusammen gekrückter Elfer, bei dem der Torwart in die falsche Ecke plumpst, oder?

Was ich davon gesehen habe, so war es ein ziemlich zäher Kick. Und all diejenigen, die sich nach einem hohen Sieg gegen Gibraltar und Co. dann einen „Klassiker“ wünschen, sollten sich dann mal solche Spiele wie jenes in Dortmund vor Augen führen. Sicher, es war ja nur ein Test und manch einer wurde geschont, andere Kicker dafür ausprobiert wie Leipzigs Werner. Aber wer immer nach großen Gegnern verlangt, sollte auch mehr als das Schonprogramm einschalten, finde ich.

So war es eben doch ein Abschiedsspiel. Die gibt es ja offiziell gar nicht mehr, dennoch wurde halt über nichts anderes gesprochen und manche Laudatio klang wie ein Nachruf. Schön, daß Poldis Knaller sie aus der Lethargie gerissen hat. Dann hätte man auch abpfeifen können. Vorhang und ab.

 

 

 

Poldischweini, einmal noch

Das ist ja fast wie abgesprochen, wenn Poldischweini, Verzeihung: Podolski und Schweinsteiger noch einmal nahezu synchron die Schlagzeilen für sich haben. Und beide Male ist England im Spiel oder besser: in der Nebenrolle.

Die hatte Schweinsteiger auch bei Manchester 1 3/4 Jahre inne, verletzungsbedingt und mit Zweitdiagnose Mourinho. Er hatte den jung Ergrauten halt nicht aus München angeheuert, das kann auch auf diesem hohen Level mal passieren. Hab‘ ich nicht gekauft, was soll ich mit dem?

Das hat er sich nun lange angeschaut, der Schweini, und geht nach Chicago. Vielleicht der richtige Schritt, um die Karriere als Spieler allmählich ausklingen zu lassen und in diejenige als Spielerinnenmann noch besser hinein zu wachsen. Amerika war schon immer ein Eldorado für Altstars, der Franz kann – ja gut – sicher ein paar Tipps geben, auch wenn all dies bei ihm schon fast 40 Jahre zurück liegt.

Poldi geht hingegen nach Japan im Sommer und betritt den Rasen bei seinem letzten Länderspiel als Erster. Jogi hat ihm die Kapitänsbinde überlassen als Geste. Neuer ist eh nicht da und in Dortmund auch nicht gut gelitten. Nicht als Bayern- Keeper, nicht als Ex- Schalker. Podolski hingegen mögen sie alle mehr oder weniger, und wenn er noch öfter betont, daß er die letzten Jahre beim Jogi nicht als Gute- Laune- Onkel oder als Maskottchen dabei war, dann findet er vielleicht beim Bankett nach dem Kick jemanden, der es glaubt.

Großer Abgang also für einen, der 13 Jahre lang dabei gewesen ist und gemeinsam mit Schweinsteiger eines der Gesichter der WM 2006. Zum Poldi- Abschied geht es übrigens gegen England, einen der in vielen Spielen so herbei gesehnten großen Gegner. Der aber reist nicht in Bestbesetzung zum Testspiel an. Wohl gut durchdacht, denn schon bei Schweinsteigers Verabschiedung gegen Finnland war der Gast letztlich nur Statist. Und darauf haben Englands Stars wohl kaum Lust.

 

 

 

Held(t)entat

Er sei nicht nach Hannover gekommen, um den Trainer zu feuern, sagte der noch fast nagelneue 96- Manager Horst Heldt noch in der letzten Woche. – Warum aber sollten ihn Kind und Schröder dann geholt haben? Klar: zur Kaderplanung für die nächste Saison, die sie Möckel und Bader nicht mehr zugetraut hatten.

Wohl aber soll der von Möckel und Bader zusammen gestellte aktuelle Kader den Wiederaufstieg schaffen. Mit Heldt, aber eben nicht mehr mit (Ex-) Trainer Stendel. Der wurde nun doch gefeuert, und zwar schon zwei Wochen lang und täglich ein bißchen mehr. Eigentlich müßte er froh sein, daß er den Job los ist. Hat ja gleich auf der ersten Trainerstation die komplette Bandbreite mitbekommen, wie es so laufen kann. Und hat dabei übrigens 54 Punkte in 37 Spielen geholt und den Laden konsolidiert, als 96 im Vorjahr abgeschlagen die Bundesliga verlies.

Freigestellt als Tabellenvierter, das passiert auch nicht jedem Coach. Aber der Vorsprung aus dem Winter war dahin und eine dominante Spielweise der 96er nicht mehr erkennbar. Grund genug zum Wechsel für die Oberen, was sie nach erfolgtem Aufstieg mit Stendel noch schlechter hätten kommunizieren können.

Und so sprang sogar Horst Heldt über seinen (okay, nicht besonders langen) Schatten und verpflichtete mit dem Segen vom Gerd und Kind André Breitenreiter. Genau den, mit dem er zu gemeinsamen Zeiten in Schalke des öfteren Streß hatte. Der zu seinen Paderborner Zeiten anfangs gern den Austausch mit den Fans per Facebook pflegte und sich im abwärtstrend zu der Aussage genötigt sah, niemand im Stadion habe mehr Ahnung vom Fußball als er.

Stendels Handicap ist wohl auch, daß er sich medial weniger gut verkaufen kann als sein Nachfolger, der das Plaudern versteht. Wenngleich er auch schon mal den BVB als Vorbild für Schalke gesehen hatte. Das passiert ihm in Hannover in Bezug auf Braunschweig hoffentlich nicht nochmal. 🙂

Erst einmal aber steht für Trainer und Manager eine gemeinsame Zeitreise an. Hannover testet diese Woche (schon länger verabredet) gegen Schalke.