Grün und blau

Der erste Saisonsieg ist eingefahren für Werder, und das gleich besonders eindrucksvoll mit dem 4:0 gegen Hannover. Wobei ich direkt nach Wiederanpfiff bis zum zweiten Bremer Treffer noch dachte, es könnte eine Zitterpartie werden. Doch beim Kohfeldt- Heimdebüt startete Kruse richtig durch. Drei Tore, Sonderapplaus und der erste Nichtabstiegsplatz ist wieder in Schlagweite.

Desto interessanter, daß ihn der HSV belegt. Dem wird zwar allseits ein gutes Auswärtsspiel auf Schalke bescheinigt, aber verloren hat er es trotzdem mit 0:2. Und es hat gezeigt, welche guten jungen Leute da im Kader stecken. Aber eben auch, daß sie nicht allwöchentlich den Laden wuppen können.

Schalke hingegen ist nun erster Bayern- Verfolger, wenngleich mit sechs Punkten Rückstand zum Rekordmeister. Sechs Ligaspiele ungeschlagen, aus denen vier Siege kommen: das nennt sich mal Tabellensturm! Lichtjahre her scheint die Saison mit Weinzierl auf der Trainerbank zu sein, aus der Schalke immerhin den kleinen ungewollten „Vorteil“ hat, keine englischen Wochen spielen zu müssen. Macht sich bemerkbar.

Und schon tönt Tönnies wieder, man wolle auf Dauer am BVB vorbei ziehen. Erstmals seit knapp drei Jahren ist dies nun der Fall und am nächsten Wochenende ist somit noch ein wenig mehr Feuer im Revier- Derby in Dortmund drin.

Hannover liegt nach der Niederlage in Bremen immer noch lediglich fünf Punkte hinter Schalke und steht für einen Wiederaufsteiger richtig gut da. Es war wohl klar, daß der gute Saisonstart inclusive Tabellenplatz nicht auf Monate hin zu konservieren wäre. Gleichwohl ist der Blick auf die Punkte fast noch wichtiger als auf die nackte Platzierung, denn bis zum Gefahrenbereich der Liga sind es halt auch nur vier Punkte Vorsprung.

Und auch wenn die Mannschaften nicht miteinader vergleichbar sind: auch mit Paderborn und Schalke hatte 96- Trainer Breitenreiter sehr erfolgreiche erste Wochen. Er dürfte versuchen, einem zweiten Déjavu entgegenzusteuern.

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Der Zweite

Seit einer Woche sind offiziell in Köln die Narren losgelassen in die fünfte Jahreszeit – schon länger diejenigen im Video- Keller der Schiedsrichtergilde. Das bekam einmal mehr der 1.FC Köln zu spüren, der das Jecken- Duell in Mainz mit 0:1 verlor. Ganz humorlos durch einen Elfmeter, der keiner war.

Dabei hat Fußball- Deutschland die neue Variante erfahren: nämlich daß sowohl der Schiedsrichter auf dem Platz  (Top-Mann Doktor Brych) sich einen Kunstfehler erlaubte, der dann vom Videomann auch noch bestätigt worden ist. Minus mal minus ist aber dann doch nicht Plus, denn wir wissen seit Kalles Spitze gegen Hitzfeld ja, daß Fußball keine Mathematik ist.

Und so können die Kölner eins und eins zusammenzählen und haben ganz schnell ihre Punktestand errechnet. Zumindest nach außen hin verlieren Stöger und sein Team nicht den Mut. Aber auch nicht ihre Wut auf die Videoassistenten, denn nicht zum ersten Mal entscheiden die zu ungunsten des FC. Es wäre zynisch darauf zu verweisen, daß es die bei Spielen in Aue und Bielefeld nicht geben wird.

Wer kann noch das Ticket in die Zweitklassigkeit buchen? Natürlich ist es viel zu früh für definitive Antworten – aber die Nordvereine wandern inzwischen traditionell auf einem schmalen Grat. Werder sollte bei Kohfeldts Heimdebüt dringend Hannover besiegen. Nach furiosem Start rutschen die 96er allmählich ins Mittelfeld und scheinen nicht unbezwingbar.

Hamburg hat bei Schalke die ungleich schwerere Aufgabe vor der Brust. Zumal königsblau bei einem Sieg mit zwei Toren Unterschied sogar Tabellenzweiter werden kann. Es wäre der vorläufige Höhepunkt für den jungen Trainer Tedesco und die Bestätigung für nicht immer populäre Maßnahmen, die er in seinen ersten Amtsmonaten durchgedrückt hat.

Da fällt es natürlich leichter, die Eiszeit mit Ex- Kapitän Höwedes zu beenden. Denn auch der muß sich darauf einstellen, nächstes Jahr nach seinem Italien- Ausflug wieder bei Schalke im Kader zu stehen.

 

Angeschlagen

Es wird im Lager des BVB kaum jemanden trösten, daß es der ehemalige Jugendtrainer Wolf ist, der sie mit Stuttgart besiegt hat. Das 1:2 beim Wiederaufsteiger ist einfach ein Ergebnis, daß die Schwarzgelben nicht gebrauchen können – derzeit schon gar nicht.

Es mag Torsteher Bürki nach eigener Aussage ja auch nicht interessieren, aber beim ersten Gegentor sah er mehr als unglücklich aus – nicht das erste Mal in dieser Saison. Und da genügt er schlichtweg nicht den Ansprüchen, die man an den Keeper eines CL- Teilnehmers stellt.

Ob alles anders gelaufen wäre, hätte man Aubameyang nicht suspendiert gehabt? Reine Theorie, aber es macht das Arbeiten für BVB- Trainer Bosz nicht leichter. Spätestens jetzt ist der erste Lack ab – und nächste Woche kommt Schalke zum Derby.

Nachbarn spielen am Nachmittag in München gegeneinander, wenn die Bayern auf die bayerischen Schwaben vom FC Augsburg treffen. Eine klare Angelegenheit, sollte man meinen. So klar, daß beim FC Bayern der gewünschte Wagner- Wechsel das beherrschende Thema war.

Das Karnevals- Derby zwischen Mainz und Köln hat einen klaren Favoriten. Darin kann aber auch eine Gefahr für die 05er liegen. Denn wer möchte schon gern das erste Team sein, das in der Liga gegen Köln verliert? Der FC gilt andererseits mit jeder Niederlage als ein bißchen mehr abgeschrieben und beim kleinen Nachbarn Fortuna dürften sie sich schon mit der Aussicht auf ein Stadtderby für den Aufstieg in die 2. Liga motivieren.

Hoffenheim hat – Stand jetzt – den Spagat zwischen Liga und Europa League am besten gemeistert. Kaderplanung und mehr noch die Trainingssteuerung sprechen da zugunsten der Macher bei der TSG. Gegner Frankfurt hatte ja vor einigen Jahren einen steilen Absturz in der Rückrunde verzeichnen müssen, erst die Kölner werden das toppen können. Deren Klassenverbleib wäre wahrscheinlich eine größere Leistung als die Europa- Quali in der Vorsaison.

Nebensachen

Wenn all die Altvorderen erzählen, wie das damals so war im Trainingslager. Oder im Hotel vor dem Spiel. Wie sie durch Sträucher oder Hintertüren ausgebüchst waren um mal abzuschalten von Trainer und Teamkollegen. Und wie sie genauso durch diverse Hintertüren wieder ins Hotel gekommen sind und morgens zum Training oder Spiel antraten.

Welch eine andere Zeit, sagt da nun jeder. – Und hat recht. Denn die Spieler bemühen sich ja gar nicht einmal mehr um Heimlichkeiten je prominenter sie sind. Und je mehr der Verein auf sie angewiesen ist.

Da kann die Medienabteilung des BVB gerne verklausulieren, Eric Aubameyang sei aus disziplinarischen Gründen beim Spiel in Stuttgart mit dabei und Nachfragen dazu abblocken. All das hilft nichts, wenn er selbst Bilder in die Sozial- Kanäle schickt, die ihn anfang der Woche beim Feiern in Barcelona zeigen. Mit Ex-Mannschaftskollege Dembelé. Wer es vergessen hat: der sich durch Fernbleiben freigepreßt hatte im Sommer.

Geht es eigentlich noch dümmer? Oder ist es nur ausgesprochen dreist von Aubameyang, der sich auch in Partylaune ausrechnen kann, daß der Ausflug nicht ohne Konsequenzen bleibt, ja: bleiben darf. Ihm aber ist’s sicherlich wurscht, ist ja auch nicht das erste Mal auf dem Ego- Trip.

Eine völlig andere Art von Exzentrik zeigt mitunter Sandro Wagner, der spät sein sportliches Glück in Darmstadt und Hoffenheim gefunden und durchaus Chancen auf die WM- Teilnahme hat.

Zurück zum FC Bayern möchte er, sein Trainer hat den Wechselwunsch ungefragt bestätigt. Wagners Familie wohnt dort, soll demnächst wohl noch ein wenig größer werden. Und die Münchener wollen ihn als Back- Up für Lewandowski.

Es war ja klar, daß sich kein qualitativ gleichwertiger Spieler hinter Lewandowski auf die Bank setzen und auf seltene Einsätze warten würde. Gomez hatte ja im Sommer abgewunken. Bei Wagner kann ich mir gut vorstellen, daß er diese Rolle ausfüllt und auch zu seinen Einsätzen kommen wird. Vielleicht folgt im Sommer auch die Reunion mit seinem aktuellen Trainer?

Beuteschemata

Apokalypse. Katastrophe. Die italienische Sportpresse zum Ausscheiden der Squadra Azzurra, das nun auch den rücktrittsresistenten Nationaltrainer Ventura mit in den Abgrund riß. Wunschkandidat ist nun ausgerechnet Ex- Bayern- Carlo, der sich ja eigentlich eine Auszeit nehmen wollte.

Aber wenn das Land ruft?  – Und sie werden in Italien den Meistertitel Ancelottis mit Bayern in den Vordergrund stellen und nicht seinen Abgang inclusive nachtretender Kicker.

Grau, erfahren und wahlweise Vatertype oder Kommandeur – das scheint das Beuteschema vieler zu sein. Modell Jupp, wenn man so mag. Die Dinge so zu moderieren, daß die Spieler glauben, sie tun es für den mit allen Wassern gewaschenen älteren Herrn an der Seitenlinie.

Die Niederlande hatten damit allerdings keinen Erfolg. Dort, wo oftmals in der Ausbildung den Spielern beigebracht wird, im Spiel selbständige Entscheidungen zu treffen, hatten sie die Oldies mit dem Akzent auf Autorität. Und das ging daneben, mit Louis van Gaal ebenso wie mit Dick Advocaat, der nach seiner dritten Amtszeit ein viertes Mal kategorisch ausschloß. Wer denkt da nicht gleich wieder an Heynckes?

Offenbar gar nicht auf dem Zettel haben sie wohl Peter Bosz, neulich noch im Europa League- Finale, jetzt schon im Gegenwind- Kanal beim BVB. Was er selbst auch so sieht. Es habe sich gedreht im Gegensatz zu den ersten Wochen, als er Vorgänger Tuchel fast vergessen machte.

Von dem wollen Dortmunds Bosse immer noch ungern etwas hören, jetzt noch weniger. Und so übernimmt dann Sportfreund Zorc die Attacke gegenüber allen gut oder weniger gut gemeinten Ratschlägen von außerhalb. Derweil will sich Bosz – so berichtet die Sport-Bild – mit Leuten umgeben, die er kennt. Den Keeper sowie ein weiteres Talent von Ex-Club Ajax. Was im Umkehrschluß hieße, daß der Niederländer selbst nicht zur Disposition steht. Können sich die Oberen ja auch nicht leisten. vom Ansehen her.

Fortschritt

Zwischen zwei Tatort- Wiederholungen mal hingezappt ins Länderspiel – den Tunnel zum 1:2 gesehen – weiter gezappt. Und noch einen schnellen Blick auf das neue WM-Trikot geworfen. Der grüne Rasen verifizierte, daß mit dem Fernseher und der Farbe doch alles okay war.

Am Ende geht es Unentschieden aus gegen Frankreich, 2:2 in Köln- Müngersdorf. Am Tag der Beisetzung von Hans Schäfer, 54er Weltmeister und demnächst, so hat es Toni Schumacher verkündet, Namensgeber für eine der Tribünen im Stadion.

Mehr war nicht drin – also etwa ach Lauterer oder Nürnberger Vorbild die Umbenennung der ganzen Arena nach einer Ikone der Kölner Vereinsgeschichte. Schließlich laufen Verträge mit Namensgebern allerorts, in Köln übrigens nur bis nächsten Sommer. Und da steht denn die Einnahmen- Akquise doch über der Tradition eines Vereins. Auch wenn international die Namen nicht verwendet werden dürfen, also etwa bei einer EM.

Wobei ich mich ja wirklich frage, ob  die Anhängerschaft wirklich die neuen Namen im Alltagsgespräch annimmt und damit den Werbenden den Wunsch nach Verbreitung erfüllt. Vor allem dann, wenn wie etwa in Hamburg der Name schon mehrfach gewechselt hat.

Derweil brach über die Iren eine wahre Torflut herein – 1:5 im Playoff- Rückspiel gegen Dänemark, das sich damit auch für die WM qualifiziert hatte.

Im – nach unserer Zeit – Nachtspiel zwischen australien und Honduras kommt hingegen High tech ganz anderer Art zum Einsatz. Kein Videobeweis im spiel und kein Schlapphut mit Trench und Notizblock – nein, eine australische Drohne soll das Training gefilmt haben.

Ein Kinderscherz soll es sein, der australische Verband will damit nichts zu tun haben. Kinderkram hingegen sei dies nicht, Honduras‘ Trainer Pinto sieht damit „den Beginn der Spionage“ im Fußball. Vielleicht auf diesem Niveau, denn es gab Zeiten, in denen Trainingsgäste aufflogen, die mit dem Kicker- Sonderheft und im ständigen Vergleich zwischen Original und Foto auf Beobachtungsmission gingen – und achtkantig rausflogen.

Zuschauer

Neun von zwölf Playoff- Begegnungen sind ausgetragen, gleich sechs dieser neun Begegnungen endeten torlos. Dennoch fallen Entscheidungen – etwa für Schweden und gegen den vierfachen Weltmeister Italien.

Die Squadra Azurri bleibt zu Hause – das erste Mal seit Jahrzehnten und ich muß gestehen, eine WM ohne die Italiener kann ich mir kaum vorstellen. Dabei hätten sich meinetwegen beide Kontrahenten für das Turnier qualifizieren können.

Die Italiener kämpften und rannten teilweise wie um ihr sportliches Leben oder schlichtweg um die sechste WM- Teilnahme von Torwartlegende Buffon, dessen letztes Länderspiel nun dieses Playoff- Rückspiel gewesen ist. Sein 174. übrigens.

Schweden griff anfangs früh an und mußte sich in die eigene Hälfte gedrängt immer mehr aufs Verteidigen fokussieren. Und bei den wenigen Abschlüssen fehlte die Coolness eines Ibrahimovic. Die Spannung des Spiels überdeckte auch, daß der Schiedsrichter im Handspiel nicht eben seine Kernkompetenz hatte. Er strahlte auch nicht gerade Souveränität aus.

Jedenfalls denke ich, meine Länderspiel- Dosis für den Wochenanfang ist aufgebraucht. Das großartige, wohl noch immer nicht ausverkaufte Spiel der Deutschen gegen Frankreich schenke ich mir eher. Julian Draxler hat mich darin noch ein wenig bestärkt, wäre aber nicht nötig gewesen. Da hatte er auf der PK schon erklärt, daß man ja was ausprobieren will und man deshalb nicht unbedingt großartiges Gekicke erwarten dürfe. Aber natürlich wollte man das auch gewinnen. Ach ja, und wenn man gewinnt, kommt man auch besser gelaunt zum Training.

Was bei PSG ja wahnsinnigen Spaß oder wenigstens Ertrag bringen muß – was wollte er doch unbedingt nach Paris. Und nun ist er im großen Schatten von Neymar oftmals gar nicht mit dabei. Da dürfte ihm das Länderspiel gerade recht kommen zur Eigenwerbung auch in Frankreich, ebenso wie Keeper Trapp. Dann spielt mal schön, während Irland und Dänemark um das nächste WM- Ticket kämpfen. Torloses Hinspiel und es kann ein langer Abend werden in Dublin.